„Der Bayrische Wald ist der südwestl. Theil des grossen Böhmer-Wald-Gebirges und umfasst die höchsten Gipfel desselben (Arber 1476m , Rachel 1458m).“ (Baedeker, 1882)
Regensburg-Deggendorf: Luftlinie 65km bzw. 91 Donau-Flusskilometer
Prämissen des Maschinen-Zeitalters. — Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Conclusion noch Niemand zu ziehen gewagt hat.
(Menschliches Allzumenschliches II, 278)
Im Klosterwirt Waldsassen: „Wie wir so sitzen, tritt ein freundlicher jovial aussehender Herr heran, redet uns im scheensten Meißner Dialekt an, freut
sich, Leipziger zu treffen, und entpuppt sich denn bald als einen in
diesen Gegenden Erfahrnen. Wir überlassen uns seiner wohlmeinenden Leitung: und wie tausend Male haben wir es hinterher gepriesen daß
Fortuna uns hier, wo wir sonst von der Eisenbahn abgebogen sein würden, einen kundigen Mentor schickte, der uns vor einer langen ermüdenden Tour
durch mittelmäßige Gegenden bewahrte. Er rieth uns nämlich, die Strecke bis Cham ganz per Bahn zu machen, und, da der Zug
gerade abging, so setzten wir uns, kurz resolvirt, ein und fuhren, dem Rathe unseres Lenkers gemäß, zunächst nach Weiden und von dort noch
auf der Bahn nach Bayreuth, eine kurze Strecke, bis Parksteinhütten.“ (Reisebericht Rohde)
Gemäß: „Es hängt von einer seltsamen Verkettung von Rücksichten und Neigungen ab, ob wir nach Salzburg und München oder in den böhmischen Wald gelangen. Schließlich kommt nicht sehr viel darauf an. Ich nehme nichts weiter mit als zwo (oder 3) Hemden, 2 Paar Strümpfe, meinen dunklen Anzug, das Plaid.“ (Brief Nietzsche vom 6.8.1867 an Mutter und Schwester)
Lamberg (seit 2006 mit Friedrich-Nietzsche-Wanderweg):
Nietzsche:
Cham:
DIE WELT (https://www.welt.de/print-welt/article529227)
Wo dem Faulen und Sorglosen das Glück begegnet
Veröffentlicht am 21.08.2000
Von Karl Stankiewitz
Zum 100. Todestag des Philosophen: Mit Nietzsche durch den „uncivilisirten“ Bayerischen Wald
Frau Wirtin hat Geburtstag, spontan lädt sie zum Umtrunk ein. An jenem Sonntag, den 11.
August 1867, waren die Wirtsleut von Arnschwang - die mittlerweile eine Brauerei mit
Biergarten und mehrere Gasthöfe betreiben - offenbar nicht weniger gastfreundlich. Als nämlich
zwei Philologiestudenten aus Leipzig, „schwer beladen mit Sack und Plaids“, zu Fuß ankamen und
„zum ersten Male die für Fremde rein unverständlichen Laute der niederbayerischen Mundart“
hörten, wurden sie eingeladen, noch einen Tag länger zu bleiben, um eine Hochzeit zu erleben.
Doch die beiden Wanderer wollten weiter auf ihrem „Zug in das Land der Urwälder und der
Räuberhöhlen“ und beließen es dabei, sich „zur Vorbereitung etwas Muth“ anzutrinken.
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Noch ein Detail von Rohde:
... um eine Hochzeit zu erleben, von deren originellen Sitten wir bei Josef Rank genug Amüsantes gelesen hatten ...
Wikipedia:
Der Bauernsohn Josef Rank studierte in Wien Philosophie und Rechtswissenschaften und wurde mit Nikolaus Lenau bekannt. Seine Skizzen Aus dem Böhmerwalde (1843; 3 Bde., 1851) sind die ersten Beispiele für die „Dorfgeschichte“". In populärwissenschaftlichen Landesbeschreibungen werden Erzählungen eingebettet, politische und soziale Fragen aber eher vermieden.
Hoher Bogen, nach einigen Umwegen erreichen sie den Gipfel:
Hoher Bogen, Forstdiensthütte
Peter-und-Paul-Kapelle:
Rohde:
Ottenzell, abends
Nietzsche:
Rohde:
... schien der Mond hell ...
Neuer Freysinger Kalender auf das gemeine Jahr 1867: 15. August Vollmond
Abends in Bodenmais:
Mette/Schlechta 1935:
Wirklich „Gelberberg“?
KGA:
Aber Nietzsche:
Nietzsche hat viel eher „Silberberg“ geschrieben.
Und auch die beiden Maler stehen in einer extra Zeile, passt also besser zu Rohdes Angabe.
Aber was ist Steinwein?
Google weiß es direkt:
Früher gebräuchliche Bezeichnung für qualitativ hochwertige Weine aus dem deutschen Anbaugebiet Franken. Der Name geht auf den berühmten Würzburger Stein zurück.
Rohde-Skizzen (auch Nietzsche hat Arber gezeichnet, aber sehr sehr undeutlich):
nach Westen vom Arber: Kleiner Arber:
Wikipedia:
Nietzsche in seinen Notizen, auch Rohde hat es gezeichnet.
„Ein unansehnliches aber schon uraltes Wandgemälde am Hause des Bäckermeisters Jungbauer können wir nicht unerwähnt lassen, weil es seines wahren und tiefen Sinnes wegen an allen Häusern der Welt angemalt zu werden verdiente. Ein buntbefiederder storchähnlicher Vogel hat an der Brust ein Menschenanlitz, dessen Nase der Vogel mit dem Schnabel faßt. Darunter stehen die Worte: "nosce te ipsum".“
(Joh. Nep. Zöllner: Historische Notizen aus dem Bezirke Regen, Regen 1879, S. X)
Am 1. November 2013 waren wir in Regen
und ich habe es zufällig fotografiert(Stadtplatz 27):
noch da Juli 2023:
Beim Hauseingang:
Auch anderweitig habe ich es gefunden, aber zunächst immer nur als Einzelfall:
https://fr.wikipedia.org/wiki/Gnothi_seauton (17. Jahrhundert) / Altdorfer Studentenbuch von 1676 (aufgetaucht in „Kunst & Krempel“, Dezember 2013)
AHA! Der Vogel Selbsterkenntnis
Lutz-Röhrig: Sprichwörtliche Redensarten:
Ausstellungskatalog:
Ausstellung Prunkschlitten des Barock:
Selb-Betrug:
Aus zwei Büchern zur Stiftsbibliothek in Waldsassen
......
Heißt es „nosce“ oder „cognosce“?
Auskunft Claudia Wiener, LMU München:
nosce te ipsum ist die übliche Wiedergabe von „gnothi s'auton“ (Cicero fin. 5, 44; leg. 1, 58 und 61; Tusc. 1, 52);
Simplex statt Kompositum ist üblich und oft eleganter als die längere Variante.
Abgesehen von der Traditionspflege des Vogels Selbsterkenntnis in Regen, habe ich bisher nur museale Überreste dieses
barocken Mems gefunden, obgleich ich mich mittlerweile auf Hausfassaden spezialisert habe.
Selbst bei meinem ersten Aufenthalt in der Neuen Welt (Montreal), im Herbst 2023, habe ich danach Ausschau gehalten und mir
notiert:
Bei den Bildern im Inuit-Laden interessierte mich nur:
Gibt es vom Vogel Selbsterkenntnis eine weitere Spur?
Und doch habe ich kürzlich (ganz zufällig) eine kuriose Überlieferung im Roman Das periodische System (1975) von
Primo Levi (1919-1987) gefunden, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, gleich im ersten Kapitel:
Ein Schiffskapitän, „der Gnor Grassiado einen großen bunten Papagei geschenkt hatte, welcher aus Guayana
stammte und auf lateinisch 'Erkenne dich selbst' sprach. Gnor Colombo [dessen Freund] war arm und Mazzini-Anhänger; als der Papagei
eintraf, kaufte er sich eine fast federlose Krähe und brachte ihr das Sprechen bei. Wenn der Papagei 'Nosce te ipsum' sagte, dann entgegnete
die Krähe: 'Fate furb.' ('Sei pfiffig')“ ('sei clever'?)
https://www.literaturportal-bayern.de:
„Seit Ende Juli 1868 prangt als letzter Ankömmling in der Walhalla Ludwig von
Beethoven, dessen Büste A. Lossow (1866) nach einem Modelle Dietrichs anfertigte.“ (Hans Weininger: Fremdenführer durch Regensburg und dessen Umgebung (1876), S. 73)
Bach-Büste von „Fritz Behn, Aufstellung der Büste 11.7.1916“.
(Walhalla, Amtlicher Führer, 2004, S. 45)
Internet-Recherche:
- kaum noch freie Plätze
- zuletzt kamen Käthe Kollwitz (2019) und Max Planck (2022) hinzu
- Mindestens 100 Vorschläge
- Kosten für Büste muss Antragsteller selbst zahlen
- auf Vorschlagsliste auch Ludwig Erhard und Franz Josef Strauß
- auf Vorschlagsliste auch Nietzsche
Mit dem 23.8. enden die Reisenotizen Nietzsches. Auch Rohde vermerkt in seinen Notizen für den 23.8. noch den Ausflug zum Schloss Landsberg.
Die Notizen Rohdes enden mit Samstag 24.8.
Carl Paul Janz (Nietzsche I, 211):
„Von Meiningen fuhren die beiden Freunde am 28. August noch zum Wartburgfest, wo Liszt seine "Heilige Elisabeth" dirigierte. Dann trennten sie sich in Eisenach.“
Aber: die Wartburgfeste 1817 und 1867 fanden jeweils im Oktober statt! Passt so nicht.
(Siehe Robert und Richard Keil: Die burschenschaftlichen Wartburgfeste von 1817 und 1867, Jena 1868).
ABER: „Das Oratorium wurde am 28. August 1867, zwei Jahre nach seiner Budapester Uraufführung, zur Feier des 800jährigen Bestehens der Wartburg im eben fertig gestellten Festsaal unter Liszts Leitung aufgeführt.“ (https://www.liszt-2011.de/358.html)
Angenommen Mittwoch 28.8. haben sie die Wartburg noch verlassen und haben sich gleich danach in Eisenach getrennt, dann hätte die Böhmerwaldreise insgesamt 21 Tage gedauert, 8 Tage davon im eigentlichen Böhmerwald (Cham bis Deggendorf).
Auf der letzten Seite von Rohdes Notizheft findet sich eine Tages-Bilanz mit (Übernachtungs-)Orten und Ausgaben für insgesamt 17 Tage:
Süddeutsche Sonntagspost
Jahrgang 6, Nr. 51
18. Dezember 1932
Heftthema:
Der weinende Wald
Die Redaktion auf Reisen
S. 16, ganzseitiger Artikel:
Ein berühmter Mann war in Klingenbrunn
Auf Friedrich Nietzsches Spuren im Bayerischen Wald
Hugo Rütters
Zwei Fotografien
Eine Fotografie vom Wirtshaus „Zum Ludwigstein“
Belegt: gleiches Gebäude wie heute, z.B. auch gleiche Anzahl Fenster bei den Stockwerken.
Leider auch in diesem Text keine Aussage, nach welchem Ludwig der Berg „Ludwigstein“ benannt ist.
Nietzsche wird zitiert (aus Ecce homo):
„In einem tief in Wäldern verborgenen Orte des Böhmerwaldes, Klingenbrunn,
trug ich meine Melancholie wie eine Krankheit mit mir herum — und schrieb von
Zeit zu Zeit unter dem Gesamt-Titel 'Die Pflugschar' einen Satz in mein
Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht noch in
'Menschliches-Allzumenschliches' wiederfinden lassen.“
Aber da fehlt doch was (selbst ... fehlen)!:
„In einem tief in Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum — und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar", einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht in "Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden lassen.“
Im bayrischen Walde fieng es an,
Basel hat was dran gethan,
in Sorrent erst spann sich’s groß und breit,
Rosenlaui gab ihm Luft und Freiheit.
Die Berge kreißten, am Anfang, Mitt‘ und End‘!
Schrecklich für Den, der das Sprüchwort kennt.
Dreizehn Monat, bis die Mutter des Kinds genesen –
ist’s denn ein Elephant gewesen?
oder gar eine lächerliche Maus?
So sorgt sich der Vater: lacht ihn nur aus!
Nietzsche schickte „Menschliches, Allzumenschliches“ mit einer
launigen Widmung an Richard und Cosima Wagner, um zu prätendieren,
vieles in dem Buch dürfe schalkhaft aufgefaßt werden. Klopfenden
Herzens und mit unbestimmten Erwartungen gab er das Paket
auf die Post. Auf der ersten Seite des Buches stand, was im
Entwurf folgendermaßen skizziert war:
„Dem Meister und der Meisterin
entbietet Gruß mit frohem Sinn
beglückt ob einem neuen Kind
von Basel Friedrich Freigesinnt.
Er wünscht, daß sie mit Herzbewegen
aufs Kind die Hände prüfend legen
und schauen, ob es Vaters Art,
wer weiß? selbst mit 'nem Schnurrenbart.
Und ob es wird auf Zween und Vieren
sich tummeln in den Weltrevieren.
In Bergen wollt zum Licht es schlüpfen,
gleich neugeborenen Zicklein hüpfen.
Was ihm auf seinem Erdenwallen
beschieden sei, es will gefallen;
nicht vielen; fünfzehn an der Zahl,
den anderen werd es Spott und Qual.
Doch eh wir in die Welt es schicken,
mög Meisters Treuaug segnend blicken,
und daß ihm folge fürderhin
die kluge Gunst der Meisterin.“
(Fischer-Dieskau, S. 171, vgl. eKGWB/NF-1877,22[92])
„Nietzsche selbst betrachtet als den Anfang seines
'eigentlichen' Philosophierens 'Menschliches, Allzumenschliches'.
Sein 'eigentliches' Werk besteht demnach aus:
'Menschliches, Allzumenschliches', I und II,
'Morgenröte',
'Die fröhliche Wissenschaft',
'Also sprach Zarathustra', I-IV,
'Jenseits von Gut und Böse',
'Zur Genealogie der Moral',
'Der Fall Wagner',
'Götzendämmerung',
'Nietzsche contra Wagner',
'Ecce homo',
'Der Antichrist'.“
(Karl Schlechta: Der Fall Nietzsche, München 1959, S. 81)
„Lesern meiner früheren Schriften will ich ausdrücklich erklären, daß ich die metaphysisch-künstlerischen Ansichten, welche jene im Wesentlichen beherrschen, aufgegeben habe: sie sind angenehm, aber unhaltbar. Wer sich frühzeitig erlaubt öffentlich zu sprechen, ist gewöhnlich gezwungen, sich bald darauf öffentlich zu widersprechen.“
(Nachgelassene Fragmente Ende 1876 - Sommer 1877)